Am Ende scheint die Sonne – Einblicke in meinen Designprozess

Bevor ich Mama und Designerin wurde, habe ich lange in der Softwareentwicklung gearbeitet und wenn man es recht bedenkt haben Handarbeitsanleitungen und Computerprogramme viel gemeinsam. (Genau genommen wurde die Software ja sogar im Zusammenhang mit der Webindustrie erfunden. Das ist aber eine andere Geschichte). Handarbeitsanleitungen und Computerprogramme definieren, was zu tun ist, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Je sauberer sie geschrieben sind, desto zuverlässiger wird das Ergebnis erzielt. Deswegen macht das eigentliche Programmieren in der Softwareentwicklung nur einen kleinen Teil aus. Bevor programmiert werden kann, muss erstmal ganz genau definiert werden, wie das Ergebnis aussehen soll. Man sagt auch: Die Anforderungen werden aufgenommen. Nach der Programmierung muss intensiv getestet werden, ob die Software das macht, was man sich vorher überlegt hat. Im Praxistest zeigen sich nicht nur Fehler in der Programmierung sondern oft stellt man fest, dass schon die Anforderungen nicht ganz richtig waren. Dann muss die Software noch mal umgeschrieben werden. Das alles funktioniert nur, wenn man von Anfang an die Anforderungen, die Software und die Tests sauber dokumentiert.

Du ahnst wahrscheinlich schon: Wenn ich eine neue Anleitung schreibe, steckt ein bisschen mehr dahinter, als man zunächst vermuten würde. Heute zeige ich Dir am Beispiel meiner Kawaii Sonne Lucy, wie so eine Anleitung eigentlich entsteht.

Skizzen

Ich hatte zwei Ideen, die ich umsetzen wollte. Ersten wollte ich ein Gesicht entwerfen, dass ich in verschiedene Designs integrieren kann und zweitens wollte ich eine Sonne. Zunächst skizziere ich mit Bleistift, wie mein Motiv aussehen soll. Dann fange ich an zu überlegen, wie ich die Form aus Ringen und Bögen bauen kann.

Kleine Zettel mit Bleistiftskizzen von Sonnen und Gesichtern, teilweise als Occhidiagramm

Das Gesicht

Wir sind so selbstverständlich von niedlichen Gesichtern in Serien, bei unseren Kuscheltieren oder auch in der Werbung umgeben, dass viele gar nicht wissen, wie viel Arbeit in einem simplen Gesicht aus ein paar Strichen steckt. Wir Menschen sind soziale Wesen, die in Gruppen leben. Gesichter lesen ist Teil unseres Überlebensprogramms. Schon Babys beschäftigten sich intensiv damit. Wer lächelt mich an und ist mir wohlgesonnen? Wer guckt grimmig und ist möglicherweise eine Gefahr? Nicht umsonst erkennen wir oft Gesichter, wo eigentlich gar keine sind (z.B. in Wolken oder Steckdosen). Weil unsere Gehirne so gut im Gesichter lesen sind, entscheidet beim Zeichnen ein mm der Strichstärke beim Mund oder ein ° des Augenwinkels über „oh wie süß“ und „hilfe, wie gruselig“. Dieser Herausforderung wollte ich mich nun beim Occhi stellen.

Nachdem meine ersten Skizzen fertig waren, fing ich an zu knoten um zu sehen, ob meine Ideen funktionieren…nunja, sieh selbst:

Verschiedene gescheiterte Versuche in Ochi ein Gesicht zu knoten.

Die Idee mit der Trägerkonstruktion rechts oben und links unten sah nicht nur schrecklich aus, sondern war auch viel zu groß und unflexibel, um sie in anderen Designs wieder zu verwenden. Ich landete also nach einigen Versuchen bei der sehr reduzierten Version (links oben und rechts unten).

Was man hier nicht sieht: Die vier Fäden der hellen Augenringe, verschwinden direkt beim Knoten ohne Vernähen. In der fertigen Anleitung erkläre ich Dir das Schritt für Schritt mit Bildern.

Die Sonne

Wer oben in den Skizzen genau hingesehen hat, weiß, dass ich ursprünglich für Lucy eine ganz andere Architektur geplant hatte. Irgendwie kam ich damit nicht voran, wie man im nächsten Bild sehen kann. Vielleicht greife ich die Idee irgendwann für ein anderes Muster nochmal auf. Am Ende entschied ich mich für eine simplere Kreiskonstruktion.

Zwei Occhi Teststücke in rosa und gelb.
gelber Kreis mit Gesicht in Occhitechnik

Nun musste Lucy noch größer und Interessanter werden. Mit ein paar Sonnenstrahlen war sie schon ganz nett. Ich wollte aber noch mehr und spendierte ihr einen zweiten Kreis.

Irgendetwas stimmte mit den Sonnenstrahlen nicht. Ich konnte aber nicht genau sagen was, also probierte ich ein wenig herum. Im nächsten Bild sieht man sehr schön, wie ich Garnreste in verschiedenen Farben aufgebraucht habe (manchmal ergeben sich dadurch auch neue Ideen). Wer ganz genau hinschaut sieht, dass ich verschiedene Versionen des äußeren Sonnenkreises geknotet hatte und die finale Version nachträglich mit blauem Faden an den inneren Kreis angeknotet habe.

Ich dachte, das Problem der Sonnenstrahlen ist die Technik beim Anschlingen. Um bei meinen Experimenten Zeit zu sparen, machte ich die Sonnenstrahlen kürzer. Am Ende, war genau das der Clou.

Die kurzen Strahlen

  • sind stabiler
  • liegen dadurch flacher
  • sehen niedlicher aus.

Und nachdem ich alles in den richtigen Farben neu geknotet hatte, lächelte mich die fertige Lucy an.

Teststück einer Sonne  in Occhitechnik mit verschiedenafrbigen Garnen und unterschiedlich gearbeiteten Sonnenstrahlen.

Aufschreiben

Eine fertig geknotete Sonne ist noch lange kein PDF, dass ich Dir anbieten kann. Während des Designprozesses, schreibe ich mir die Konstruktion und die Knotenzahlen mit Bleistift auf Papier. Sobald mir etwas gut gefällt (z.B. die Kreiskonstruktion) fange ich an, am Laptop die Kurznotation aufzuschreiben. Dabei muss ich genau darauf achten, die einzelnen Elemente sauber zu benennen und die Anschlingstellen richtig und eindeutig zu beschreiben. Manchmal verwerfe ich eine Idee nachträglich und ersetze sie durch etwas anderes. Dann muss ich die Kurznotation überarbeiten und dabei besonders sorgfältig vorgehen, damit hinterher alles zusammenpasst.

Wenn die Kurznotation fertig ist, erstelle ich das Diagramm (nunja, zumindest in einer perfekten Welt). In der Praxis kommt es vor, dass ich an beiden Parallel arbeite. Die Idee mit den kürzeren Sonnenstrahlen hatte ich erst ganz am Schluss. Da musste ich eben die Kurznotation UND das Diagramm nochmal ändern. Zum Glück war das relativ wenig Aufwand.

Spätestens jetzt entwerfe ich die Beschreibung, überarbeite den Materialteil, die Maße und die Abkürzungen, mache ein Foto vom fertigen Model und füge es ein.

Mit einer Checkliste mache ich mich auf die Suche nach Fehlern im Text.
Wenn für mich alles stimmt, geht die Anleitung ins Techediting. Weil man selbst irgendwann betriebsblind ist, ist Input von außen Gold wert. Stimmt die Zahl der Wiederholungen? Passt das Diagramm exakt zum Text? Ist das Abkürzungsverzeichnis komplett?

Erst wenn alles stimmt, ist die Anleitung bereit für die Welt.

Und falls ich doch mal was Übersehen sollte, oder in der Anleitung etwas unklar sein sollte, füge ich immer meine Mailadresse ein.

Kannst Du auch gerade etwas „Lucy“ in Deinem Leben gebrauchen? Die Anleitung findest Du in meinem Etsy Shop.

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