Vorab: Es gibt das sogenannte pathologische Horten („Messie“-Syndrom). Das ist eine psychologische Erkrankung. Betroffene sind nicht in der Lage, sich von Gegenständen zu trennen. Dieser Artikel enthält Tipps zum Ausmisten. Er richtet sich ausdrücklich nicht an Betroffene. Betroffene benötigen professionelle und individuelle Hilfe, die weit über „Räum doch mal auf.“ hinaus geht.
Unsere lieben WIPs (UFOs)
Kennst Du das auch? Du hast ein Strick- oder Häkelmuster entdeckt und wusstest: Das wird das nächste Projekt. Liebevoll habt Du das Garn und die Nadel ausgewählt. Sogar zwei (!) Maschenproben hast Du gemacht und Dich dann für die schönere Variante entschieden. Dann hast Du fröhlich losgenadelt. Das hat richtig Spaß gemacht. Anfangs kamen schnell Erfolge: Das Bündchen war fertig, das erste Knäuel war leer gestrickt, der erste Musterrapport war abgeschlossen. Aber dann ging es allmählich immer langsamer voran. Irgendwie rief das Projekt nicht mehr so laut nach Dir und eines Tages verstummte es ganz. Jetzt liegt es in einer Tüte auf dem Schrank, halb fertig, mit unvernähten Fadenenden, vielleicht mit einem Fehler im Muster, der sich nur beheben lässt wenn Du 10 Reihen zurückstrickst… Das Projekt ist ein „WIP“ (englisch: Work In Progress) geworden. Auf Deutsch sagt man auch UFO – Un-Fertiges Objekt.
WIPs sind immer wieder Thema im Internet und häufig werden sie negativ bewertet. Es gibt viele Strategien, wie man sie „los wird“, „eindämmt“ „endlich beendet“. Bevor ich aber jetzt meinen Besteckkasten auspacke möchte ich hier einmal deutlich sagen:
Kein Bock? Na, und?
Hey, natürlich ist es toll, etwas zu Ende zu bringen und natürlich nagen unfertige Projekte an unserem Unterbewusstsein bla bla bla…. Aber Handarbeiten ist unser Hobby. Wir machen das zur Entspannung und um uns zu erfreuen und nicht um uns noch mehr ToDos auf irgendwelche Listen zu schreiben oder unseren Selbstwert von noch mehr Zahlen abhängig zu machen. Wenn Du auf ein Projekt gerade keine Lust hast, und lieber ein anderes starten möchtest, dann mach das. Es ist Dein Leben und Deine Entscheidung. Wer Dich für Deine WIPs verurteilt hat ein Problem mit sich selbst.
Nur wenn DU Dich mit Deinen WIPs unwohl fühlst, solltest Du anfangen, sie abzuarbeiten.
Was hilft gegen die WIP-Flut?
Was ist „zu viel“
Zunächst musst Du für Dich definieren, wie viele WIPs für Dich angenehm sind, und wie viele „zu viel“ sind. Es gibt Menschen, die arbeiten stets nur an einem einzigen Projekt, schließen das ab, vernähen alle Fäden und wenden sich dann dem nächsten zu. Andere haben duzende angefangene Projekte und sind fein damit. Wenn Du Dir unsicher bist, wie viele WIPs Dir gut tun, stelle Dir mal diese zwei Fragen:
- Wie viel Platz nehmen die WIPs ein?
- Wie viele Wochen/Monate/Jahre dauert es schätzungsweise, bis alle WIPs fertig gestellt sind.
Sind alle Schränke, Regale, Boxen und Körbe voller Projekte und Du hast gar keinen Platz mehr für irgend etwas anderes? Dann hast Du möglicherweise zu viele WIPs.
Hast Du so viele WIPs, dass Du sie buchstäblich „im Leben“ nicht fertig bekommst? Dann sind es vielleicht auch zu viele.
Wichtig ist hier: Die Antwort kannst am Ende nur Du selbst Dir geben.
Ich habe z.B. meisten 2-3 Projekt pro Handarbeitstechnik, aber da ich 6 oder 7 verschiedene Techniken parallel mache, liegen hier sicher 20 WIPs herum. Mit dieser Menge fühle ich mich absolut wohl. Enscheidend für mich ist nicht die bloße Zahl der WIPs, sondern das Gefühl, den Überblick zu haben.
Für mich ist die Menge an WIPs sogar notwendig. Wenn ich auf ein Projekt gerade keine Lust habe, sind immer genug andere da, an denen ich arbeiten kann. Während ich an einem Projekt arbeite, findet mein Gehirn nebenbei eine Lösung für den Fehler in einem anderen Projekt. An manchen Projekten arbeite ich nur zu bestimmten Jahreszeiten. Mit manchen führe ich seit 10 Jahren eine On and Off-Beziehung, andere sind nach zwei Wochen fertig.
Gründe für zu viele WIPs
Du findest, Du hast zu viele WIPs? Dann schauen wir im nächsten Schritt, warum das so ist. Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Menschen WIPs ansammeln. Ich habe hier ein paar aufgelistet:
Körperliche Beschwerden
Wenn Du bei einem Projekt nicht weiter kommst, weil es Dir Schmerzen oder andere Beschwerden bereitet, ist besondere Vorsicht geboten. Manchmal braucht man einfach nur eine andere Nadel, die besser flutscht. Man kann auch im Stehen statt im Sitzen arbeiten oder für mehr Licht sorgen. Es kommt sehr stark darauf an, um welche Beschwerden es geht. Ich bin keine Ärztin und kann hier keinen medizinischen Rat geben. Was aber immer gilt: Sei gut zu Deinem Körper. Nimm seine Signale ernst und erzwinge nichts. Im Zweifel solltest Du einen Arzt aufsuchen und abklären lassen, woher die Beschwerden kommen. Was Dich vom Stricken abhält, schränkt Dich vielleicht auch in anderen Lebensbereichen ein und das müsste vielleicht gar nicht sein.
Zu viele WiPs lähmen Dich
Du hast so viele WIPs, dass Du Dich wie gelähmt fühlst? Du weißt längst nicht mehr, was da alles schlummert? Das ist tatsächlich einer der leichteren Fälle. Das Geheimnis: Kleine Schritte. Stell Dir nicht vor, wie viele WIPs es sind, oder wie lange Du für ein einzelnes brauchst. Nimm einfach irgendeins und fange damit an.
Mach Dir bewusst, was für ein Privileg es ist, so viel Material zur Verfügung haben und verhänge Dir einen sofortigen Kaufstopp. Du hast bereits einen Handarbeitsladen zu Hause. Du musst nichts mehr kaufen und auch nicht bestellen. Unboxing-, Haul-, und Produktreviewvideos sind verboten! Keine Impulskäufe!. Wenn Du merkst, dass Du irgendwo neues Material kaufen willst, verlasse den Laden oder die Website, suche ein Gänseblümchen und pflücke es und schaue es Dir an (Ja, das ist mein voller Ernst. Probier das mal aus. Es hat viele viele Vorteile auf so vielen Ebenen :-)).
Zu viele kreative Hobbies und kreatives Equipment insgesamt
Dieser Grund ähnelt dem vorigen. Wenn Du nicht nur häkelst, sondern auch bastelst, malst und Mosaike klebst, reicht Deine Freizeit vielleicht einfach insgesamt nicht aus, um alles zu machen.
Meine persönliche Empfehlung: Reduziere Deine kreativen Hobbies und das zugehörige Equipment. Ich hatte z.B. mal eine Overlockmaschine. Obwohl ich gerne nähe, kam diese Maschine fast nie zum Einsatz. Während ich meine normale Nähmaschine blind bedienen kann, musste ich bei der Overlock jedes mal die Anleitung lesen und erzielte meistens nur mittelmäßige Nähergebnisse. Irgendwann verkaufte ich die Maschine samt Buch und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich hatte nicht nur Platz im Regal, sondern auch Platz in meinem Gehirn gewonnen. Danach hatte ich wieder viel mehr Freude am Nähen.
Wenn Du ein Hobby reduziert hast, aber immer noch zu viele WIPs hast, starte mit dem 5 Punkte WIP-weg-Plan
Zu viel anderer Stress
Unser modernes Leben ist stressig. Wir arbeiten, oder suchen Arbeit oder kümmern uns um Angehörige oder warten auf die Bahn, die nicht kommt oder wissen nicht, was wir kochen sollen, oder müssen dringend einen Werkstatttermin für’s Auto machen. Es gibt sooooo extrem viele Gründe, warum wir Stress haben. Da bleibt die Muße zuweilen auf der Strecke. Manche Projekte lassen sich in kleinen Happen dazwischen quetschen, aber manche Projekte brauchen Zeit, Fokus und eben Muße. In manchen Phasen unseres Lebens, ist es besser die WIPs WIPS sein zu lassen. Meiner Erfahrung nach bringt es wenig, sich zum Stricken zu zwingen, wenn das Leben rund herum im Chaos ist. Schnell passieren Fehler, die dann nur noch mehr Stress bedeuten. Es kommen wieder andere Zeiten.
Wenn die Muße zum Stricken fehlt, Du aber trotzdem weniger WIPs möchtest, dann suche Dir eins heraus, dass Du nicht leiden kannst. Ribbel es auf, räume das Garn weg, oder stelle es in einer Verschenkekiste an die Straße – fertig. Das kann sehr befreiend und entspannend sein.
Die falschen Projekte
Vielleicht sind unter Deinen WIP Projekte, die einfach nicht zu Dir passen. Sie sind zu schwierig, oder Dein Geschmack hat sich weiter entwickelt. Vielleicht kratzt die Wolle entsetzlich und Du weißt jetzt schon, dass Du das fertige Teil keine drei Sekunden auf Deiner Haut ertragen kannst.
Solche Projekte darfst Du gehen lassen. Vielleicht taugt die Kratzwolle besser für einen Outdoorkissenbezug oder einen Einkaufskorb?
Jetzt sind wir schon mitten in meinem 5 Punkte WIP-weg-Plan.
Weg mit den WIPs
Du kannst Dich zum WIP-Manager machen und erstmal ein WIP-Inventar erstellen und anschließend einen Plan machen, ob und wann Du welches WIP fertig machen möchtest. Manchen Menschen macht das richtig Spaß. Mich mich persönlich ist das Zeitverschwendung. Wenn ich weniger WIPs haben möchte, dann fange ich direkt an WIPs zu reduzieren, denn nur das führt mich zum Ziel.
Im Kern gibt es für jedes WIP zwei Möglichkeiten
- fertig machen
- aufribbeln
Früher oder später musst Du für jedes WIP entscheiden, was Du damit machst, aber Du musst das nicht für alle gleichzeitig tun. Setze einen Fuß vor den anderen und komme so allmählich ans Ziel.
Hier zeige ich Dir, was ich mit meinen WIPs mache.
Mein 5 Punkte WIP-weg-Plan:
- Anfangen
Greife einfach irgendein Projekt. Es ist komplett egal, welches.
- Auspacken
Packe das Projekt komplett aus
- Orientieren
Orientiere Dich:
Erinnerst Du Dich, was das Projekt werden soll?
Beherrschst Du die Technik?
Sind die Nadeln dabei?
Ist die Anleitung da?
Ist genug Garn übrig? - Aufribbeln?
Fehlt eine entscheidende Zutat oder Fähigkeit? Dann beschaffe sie Dir. Falls das nicht geht, ist das WIP an dieser Stelle beendet. Ribbel alle auf und räume die Wolle weg.
- Fertig machen?
Dann strickst/häkelst/arbeitest die nächste Reihe fertig. Erst danach fragst Du Dich: Hat das Spaß gemacht? Ist das ein schönes Design? Mag ich das Garn?
Will ich dieses Projekt fertig machen?
Wenn nicht, ribbel alles auf und räume die Wolle weg.
Wenn ja, *stell Dir einen Wecker im Handy für das nächste Date mit Deinem WIP. Wenn der Wecker klingelt, strickst/häkelst/arbeitest Du mindestens die nächste Reihe fertig.
ab * fortlaufend wiederholen.
Für einen extra Motivationsshub kannst Du Dich einem Event, wie dem Finish it February anschließen. Vielleicht hast Du auch Freunde, die mit Dir etwas ähnliches im Herbst starten.
Durchhalten lohnt sich. Die Motivationskurve bei einem Handarbeitsprojekt verläuft immer nach dem gleichen Muster. Erst sind wir begeistert, dann wird es langweilig/mühsam, aber zum Ende hin wird es wieder spannend. Ich sage immer: „Nach Hause traben die Pferdchen schneller.“, Sportler zeigen im „Endspurt“ nochmal unerwartete Energie und Leistung. So geht es uns doch auch, wenn beim zweiten Socken nur noch das Bündchen fehlt, dann können wir kaum aufhören.
Am Ende lockt ein mega Erfolgserlebnis. Kein leeres Gelaber im Meeting, sondern ein echtes, greifbares Ergebnis, dass Du mit Deinen eigenen Händen erschaffen hast.
Ein gesundes Maß
Über Deine persönliche Wohlfühl-WIP-Menge hast Du Dir ja schon Gedanken gemacht und vielleicht hast Du schon WIPs reduziert. Jetzt möchtest Du vermeiden, dass die WIPs wieder zunehmen. Menschen sind verschieden und jeder muss seine eigene Strategie finden. Beispielhaft erzähle ich Dir hier einfach von meiner persönlichen Strategie:
WIPs reduzieren, ist psychologisch vergleichbar mit einer Diät. Man verzichtet auf etwas, was einem vorher gute Gefühle gemacht hat (Einkaufen, neue WIPs anfangen) zugunsten von einem größeren Erfolg. Unser Gehirn findet das nur teilweise gut und wartet im Hintergrund darauf, dass es endlich wieder diese schnellen kleinen Belohnungen bekommt, an die es sich gewöhnt hatte. Wenn Du einige Monate eisern WIPs reduziert hast, kann es danach tatsächlich zu einem Jojoeffekt kommen. Der einzige Weg da raus, ist dem Gehirn alternative Belohnungen zu bieten.
Ich mag sehr gerne den Gedanken des Shoppens im eigenen Kleiderschrank. Das Fundament der sogenannten Nachhaltigkeitspyramide ist „Nutze, was Du hast.“ Genau das tun wir, wenn wir längst vergessene Teile in unserem Kleiderschrank wieder entdecken.
Dieses Prinzip lässt sich nicht nur auf unseren Garnvorrat, sondern auch auf unsere WIPs übertragen. Bevor ich Zeit auf Pinterest verplempere und vor lauter Inspiration am Ende gar nichts häkele, gehe ich shoppen bei meinen WIPs und verliebe mich neu in die Projekte, die mich schon einmal begeistert haben. Das fühlt sich an, wie ein neues Projekt, nur ohne ein neues Projekt anzufangen. Clever, oder?
Ich gestatte mir gelegentlich eine Schwäche: Neue Stashbustingprojekte sind bei mir immer erlaubt. Die Covid-Lockdowns habe ich erfolgreich genutzt um meinen Garnvorrat zu verringern und ich möchte, dass er so übersichtlich bleibt, wie er jetzt ist. Wenn ich auf keines meiner WIPs Lust habe, schaue ich meine Garnreste an und starte damit etwas Neues. Da ich nur noch relativ kleine Reste habe, sind die Projekte überschaubar und schnell wieder beendet. Ich kann also nicht nur den Zauber des Anfangs genießen, sondern habe auch bald das Abschlusserfolgserlebnis. Eine Win-Win-Win-Situation!
Abgesehen von diesen beiden Tricks bezeichne ich mich als Genusstricker. Ich mag schöne Stricknadeln aus Holz und ich arbeite gerne mit hochwertigen Garnen aus Naturmaterialien. Das allein verhindert, dass ich zig Projekte anfange. Wenn ich für das Garn viel Geld bezahlt habe, möchte ich es auch benutzen und nicht irgendwo verstauben lassen.
Verrätst Du Deine Wohlfühl-WIP-Anzahl in den Kommentaren?