Öko Occhi – Ist Occhi ein nachhaltiges Hobby?

Über Nachhaltigkeit wurde in den letzten Jahren viel geschrieben. Eigentlich wollte ich hier ein bisschen herum jammern, weil das Thema angesichts der aktuellen Weltpolitik immer mehr in den Hintergrund gerät und weil die Politik das Thema meiner Meinung nach nicht ernst genug nimmt. Das ewige Jammern, macht das Thema aber auch nicht unbedingt attraktiver. Nachhaltigkeit – das hört sich immer so nach Mühe und Verzicht an. Dabei kann es auch ganz einfach und beglückend sein, sich nachhaltig zu verhalten. Wir schauen uns einfach mal unser liebes Occhi an. Na, fühlt sich schon gleich nicht mehr so schwer an oder?

Wie sollen wir die Nachhaltigkeit beurteilen?

Bei der Nachhaltigkeit geht es nicht nur um ökologische, sondern auch soziale und ökonomische Aspekte. Überspitzt gesagt, nützt es niemandem, wenn ein Unternehmen ausschließlich auf die Umwelt achtet, dafür aber nicht rentabel ist und nach zwei Jahren pleite ist.

Nachhaltigkeit zu beurteilen, ist zudem gar nicht so leicht. Eine große Schwierigkeit sehe ich darin, dass Nachhaltigkeit relativ ist. Ein energieeffizienter Kühlschrank aus den 90ern ist heute ein alter Stromfresser. Ein Kühlschrank aus den 00er-Jahren ist mit Sicherheit nachhaltiger als der aus den 90ern, aber ein aktuelles Gerät ist noch viel effizienter und besser isoliert. Wie soll ich die Nachhaltigkeit meines aktuellen Kühlschranks bewerten? Soll ich ihn mit dem aus den 00er-Jahren, mit dem aus den 90ern oder mit dem Erdkeller meiner Uroma vergleichen, der komplett ohne Strom auskam?

Es gibt mittlerweile viele verschiedene Methoden um Nachhaltigkeit zu beziffern. Ich habe mir ein kleines System überlegt, dass wir auf unsere Handarbeiten anwenden können. Wir befassen uns mit den drei Phasen Input, Lebenszyklus und Output. Ich betrachte und bewerte jede Phase isoliert und ziehe zum Schluss ein Fazit. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Input
Material

Lebenszyklus
Knüpfen und Nutzung der Spitze

Output
Entsorgung

Material

Für Occhi braucht man in erster Linie Garn, dann noch Schiffchen, eine Häkelnadel, eventuell eine Nähnadel und eine Schere. Anleitungen kann man digital verwenden oder ausdrucken. Verglichen mit vielen anderen Hobbies, ist der Materialeinsatz sehr gering. Das wirkt sich äußerst positiv auf die Nachhaltigkeit aus.

Garn

Das Garn kann aus verschiedenen Materialien bestehen, die unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Synthetikgarne wirken erstmal nicht so ökologisch, aber sie lassen sich teilweise sehr gut recyceln -vorrausgesetzt, sie werden am Ende auch dem Kreislauf zugeführt und landen nicht achtlos in der Umwelt.

Baumwolle ist zwar biologisch abbaubar, braucht aber viel Wasser und Chemikalien für Anbau und Verarbeitung. Auch für das Merzerisieren, dass das Garn glatter und glänzender macht wird Chemie benötigt. Dafür können im nachfolgenden Färbeprozess Ressourcen gespart werden, weil das merzerisierte Garn die Farbe besser aufnimmt.


Die Herstellung von Garn ein internationales Geschäft und nach wie vor gelten nicht überall die gleichen sozialen Standards für Mitarbeiter. Das sollte man bedenken, wenn man beim preiswerten Häkelgarn zugreift. Bio- und Fairsiegel finden nur allmählich den Weg zu den Handarbeitsgarnen. Ich kenne leider kein fair produziertes Filethäkelgarn. Vielleicht ist die Nachfrage nach diesem Garn insgesamt zu niedrig..? Zumindest bin ich bei meiner Recherche für diesen Artikel über ein Spitzengarn aus Lyocll gestolpert. Ich werde es demnächst testen und hier darüber berichten.

Leinengarn könnte eine nachhaltige Alternative sein, wird aber häufig aus fernen Ländern importiert, weil die Infrastruktur für Anbau und Verarbeitung in Deutschland quasi nicht mehr vorhanden ist. Weil Leinengarn so ein Exot geworden ist, ist es noch viel schwieriger die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung zu beurteilen.

Puh, das klingt alles nach einem Spiel, dass man nicht gewinnen kann? Es gibt einen Ausweg aus der Zwickmühle. Vielleicht hast Du schon einmal die Nachhaltigkeitpyramide gesehen. Vereinfacht gesagt, soll man vor einem Neukauf prüfen, ob man das betroffene Produkt auch anders beschaffen kann.

  1. Nutze, was Du hast.
    Wenn Du schon einen Garnvorrat hast, dann nutze was darin ist. Stell Dir vor, Dein Vorrat ist ein kleiner Laden und Du gehst dort einkaufen. Fühlt sich doch irgenwie lustig an, oder?
    Occhi kann man auch mit dickeren Garnen machen. Ein Garn muss nur glatt und reißfest sein, damit man ie Ringe zu ziehen kann.
  2. Repariere was Du hast.
    Nun, das lässt sich auf Garn nicht so gut übertragen. Das überspringen wir einfach.
  3. Leihen oder Tauschen.
    Tauschen bietet sich bei Garn besonders an. Wenn Dir das Angebot in Deinem persönlichen Garnvorrat nicht gefällt, tausche doch einfach mit Gleichgesinnten. Das geht sehr leicht über verschiedene Gruppen oder Foren. Am besten ist es natürlich, wenn Du Leute zum Tauschen in Deiner Nähe findest und dadurch weite Transporte vermeiden kannst.
    Der Vorteil speziell für Occhi: Man braucht ja selten ganze Knäuel, aber es ist schön, viele Farben zu haben. Viele Menschen haben eine große Sammlung von Reste, die sie sogar verschenken. Sie sind froh, wenn die Reste noch sinnvoll genutzt werden.
    Achte darauf, ob in dem Tauschhaushalt geraucht wurde, oder ob dort Tiere leben, falls das für Dich relevant ist.
  4. Gebraucht kaufen.
    Siehe Punkt 3.
  5. Selber Machen.
    Hm…ja, das ist zwar grundsätzlich möglich, aber der Anbau der eigenen Baumwolle in Deutschland ist eher ineffizient. Die gleichmäßige Qualität eines gekauften Filethäkelgarns erreicht man nur mit sehr sehr viel Übung, oder einer sehr großen, teuren Maschine, für die man ein eigenes Haus bauen müsste. Daher: Siehe Punkt 2.
  6. Neu Kaufen.
    Wenn Du alle vorigen Möglichkeiten vergeblich ausgeschöpft hast, „darfst“ Du neues Garn kaufen. Das könnte z.B. der Fall sein, wenn Du ganz bestimmte Farben brauchst und niemanden findest, der genau diese Farben in seinem Vorrat hat.

Denke immer daran, für Occhi braucht man nicht viel. Halte Deinen Vorrat überschaubar.

Schiffchen

Es lohnt sich fast nicht, etwas zu den Schiffchen zu sagen. Sie sind so klein und man braucht nur so wenige. Ich finde die Schiffchen sind vernachlässigbar. Holz ist Metall in der Herstellung überlegen, aber Metall hält möglicherweise länger -außer es rostet. Plastik ist ok, wenn es am Ende recycelt werden kann. Wer extra nachhaltig sein möchte, bastelt sich Upcycling-Schiffchen.

Zubehör

Häkelnadeln, Nähnadeln und Scheren sind in meinem Haushalt ohnehin vorhanden. Sie nutzen sich durch den Einsatz beim Occhi praktisch nicht ab. Ich halte sie daher ebenfalls für vernachlässigbar.

Anleitung

Bei der Anleitung kommt es darauf an, wie oft wir sie verwenden. Arbeiten wir sie nur einmal nach und öffnen wir sie auf dem Smartphone, dass wir ohnehin besitzen, ist digital die bessere Wahl. Wenn wir sie häufig nutzen, dafür aber extra ein neu produziertes Tablet anschaffen, ist Ausdrucken ökologisch und auch ökonimisch sinnvoller. Als Kompromiss kann man nur die Seiten mit den Diagrammen ausdrucken und den Text bei Bedarf digital anschauen.

Mein Fazit: Das Material ist nicht völlig unproblematisch, aber wir können negative Auswirkungen durch unser Verhalten verringern. Außerdem ist der Materialeinsatz insgesamt vergleichsweise gering.

Lebenszyklus

Herstellung

Das Knüpfen der Spitze ist das, wofür wir hier sind. Das ist unser Hobby. Deswegen habe ich es zum Lebenszyklus hinzu gerechnet, obwohl man es auch beim Input einordnen könnte. Am Ende ist das egal. Hauptsache wir vergessen diesen wichtigsten Teil nicht.

Wie kann eine Tätigkeit nachhaltig sein? Eine Handarbeit soll uns unter anderem die Zeit vertreiben, daher schauen wir uns an, wie lange man z.B. mit einem Knäuel Garn beschäftigt ist. Ohne konkrete Zahlen zu nennen, behaupte ich, dass Occhi ein sehr gutes Input – Zeit – Verhältnis hat. Ich kann an einem guten Tag ein 50 g Knäuel weg stricken. An einem 50 g Knäuel Häkelgarn nuckele ich Jahre. Das liegt nicht nur an der hohen Lauflänge, sondern auch an der „löchrigen“ Struktur des Occhi.

Außer dem bisher genannten Material braucht man für Occhi ein nicht zu warmes und nicht zu kaltes Plätzchen und ausreichend Licht. Klimaanlage oder Heizung laufen sowieso, also können wir auch das vernachlässigen. Eine kleine LED-Lampe macht helles Licht und braucht kaum Strom.

Durch Occhi verbraucht unser Körper nicht deutlich mehr Energie, als wenn wir einfach nur herum sitzen. Wir müssen also auch nicht mehr essen, um Occhi machen zu können

Weil wir selbst die „Arbeiter“ sind, haben wir es selbst in der Hand, ob unser fertiges Werk „fair produziert“ wurde. Sei achtsam mit Deinem Körper und beute ihn nicht aus.

Selbst wenn wir die fertige Spitze auf einem Markt verkaufen, ist das Selbermachen nicht sehr ökonomisch. Das Knüpfen, dauert einfach sehr lange. In der gleichen Zeit, könnte man in einem gut bezahlten Job deutlich mehr Geld verdienen. Allerdings lässt sich Occhi, anders als z.B. Stricken nicht gut automatisieren. Die fertige Spitze ist also ein sehr individuelles Produkt mit hohem ideellen Wert.

Außerdem wollen wir selten mit unserem Hobby Geld verdienen, sondern vor allem einen Erholungswert genießen. Ich wichte daher den ökonomischen Aspekt der Herstellung nicht so hoch.

Nutzung

Es gibt viele verschiedene Motive und Anwendungsmöglichkeiten für Occhi (Lies dazu auch gerne meinen Artikel zum Sinn von Occhi.). Ich finde es schwer etwas Allgemeines zur Nachhaltigkeit zu sagen.

Ein Pluspunkt ist: Occhispitze ist sehr lange haltbar und weil wir sie selbst hergestellt haben, können wir sie bei Bedarf auch selbst reparieren.
Da wir nur relativ wenig Garn verbrauchen, kann man die fertigen Occhispitzen platzsparend lagern.

Mein Fazit: Die Herstellung und Nutzung der Occhispitze verbraucht wenig Ressourcen aber macht große Freude 🙂

Entsorgung

Weil wir wenig Material einsetzen, müssen wir auch nur wenig entsorgen.

Damit wir die ausgediente Spitze richtig entsorgen können, müssen wir uns über den gesamten Lebenszyklus hinweg merken, aus welchem Material, wir sie gemacht haben. Das kann eine Herausforderung oder sogar unmöglich sein, wenn wir mit gebrauchten Resten ohne Banderole arbeiten.

Eine ausgediente Synthetikspitze gehört in einen Recyclingkreislauf. Leider ist für den Laien oft schwer zu erkennen, wie das praktisch umsetzbar ist. Auch kaputt, aber sauber Baumwolle kann noch für Recyclinggarn verwendet werden. Aber wie findet Sie den Weg dorthin? Darf mein Plastikschiffchen in den gelben Sack, obwohl es keine Verpackung ist? Im Ausland wird Deutschland für seine Disziplin im Mülltrennen bewundert, aber ich finde, unser System hat noch deutlich Luft nach oben.

Mein Fazit: Bei der Entsorgung fühle ich mich häufig allein gelassen. Darf mein Baumwollgarn auf den Kompost, auch wenn es gefärbt ist? Der Hersteller schweigt, also werfe ich es lieber in den Restmüll. Ist mein Synthetikgarn recyclingfähig oder vielleicht sogar biologisch abbaubar? Der Hersteller schweigt. Also werfe ich es (mit ungutem Gefühl) in den gelben Sack. Auch wenn ich mir Gedanken mache und Mühe gebe, kann ich hier wenig selbst bewirken, aber auch hier spielt uns der geringe Materialverbrauch in die Karten.

Fazit

Unterm Strich finde ich, dass Occhi ganz schön gut abschneidet. Mit wenig Input, können wir uns stundenlang friedlich beschäftigen, habe tolle Erfolgserlebnisse und Freude, vielleicht sogar nette Gesellschaft.
Verglichen mit Hobbies wie Motorradfahren oder Kettensägenschnitzen ist Occhi absolut nachhatlig, aber sogar andere Handarbeiten wie Patchworken oder Stricken kann es schlagen.
Wichtig ist jedoch, wie bei jedem Hobby, dass man es nur machen sollte, wenn es einem wirklich gefällt. Außerdem muss man nicht immer gleich die Komplettausstattung anschaffen. Probiere Occhi erstmal mit einem einzelnen Knäuel und ohne Schiffchen aus.

Was tust Du für mehr Nachhaltigkeit beim Handarbeiten? Schreibe mir gerne einen Kommentar.

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