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Gestern bin ich über etwas sehr Interessantes gestolpert. Im Internet gibt es immer mehr Shops, in denen man Waren auswählen, in den Warenkorb legen und „kaufen“ kann. Man bezahlt jedoch nicht mit richtigem Geld und die Ware wird auch niemals verschickt. Es geht allein um den Dopaminkick beim Stöbern und Auswählen. Impulskäufe ohne Schuldgefühle -Wow.
Es geht hier nicht um Dopamin Decor, aber falls Du deswegen hier bist, gefällt Dir vielleicht meine Regenbogendecke oder meine knallrote Babydecke .
Im ersten Moment hat mich der Gedanke traurig gemacht. Traurig, dass Menschen so etwas Dekadentes brauchen, während weiterhin Kinder auf der Welt verhungern. Nachdem ich aber einiges darüber gelesen habe, erkenne ich, dass diese Idee genial ist und dass ich sogar selbst schon unbewusst so etwas genutzt habe. Aber der Reihe nach.
Warum machen Menschen das?
Vielen Menschen macht Onlineshopping sehr viel Spaß. Sie nutzen Vergleichsportale und Konfiguratoren, lesen Produktbewertungen und befüllen ihren Warenkorb. Dabei erleben sie viele kleine Dopamin-Kicks. Offline-Menschen bekommen diese schönen Gefühle vielleicht beim Himbeern pflücken, Pilze sammeln oder gar Jagen.
Der Bezahlvorgang ist schon nicht mehr ganz so erfreulich.
Mist die akzeptieren meine liebste Bezahlvariante nicht…wo ist nochmal die Kreditkartennummer? Hat das jetzt geklappt, oder muss ich nochmal klicken?
Online bezahlen kann schon ein bisschen stressig sein. Noch unangenehmer wird es, wenn sich die Lieferung des Pakets verzögert. Man muss möglicherweis fremde Menschen anrufen oder das Paket beim Nachbarn abholen, den man nicht so gern mag. Dann kommt das Paket an, man packt die Sachen aus, stellt fest, dass es ganz normale Dinge sind, die man in ein Regal räumen muss, die einen Karton hinterlassen, der lästig im Flur im Weg herum liegt oder am ärgerlichsten, die man direkt wieder zurück schicken will. Dafür muss man allerdings am nächsten Tag früher aufstehen, weil man ja das Paket noch vor der Arbeit zur Packstation bringen muss.
Es gibt also eine Glückskurve, die ab dem Bezahlvorgang immer stärker abstürzt und genau an diesem Punkt setzten die Shops an. Wenn der Teil nach dem Bezahlen sowieso nur nervt, lässt man ihn eben einfach weg.
Wie es genau zu diesen Shops kam, weiß ich nicht, aber ich habe zumindest von einem Entwickler gelesen, der so einen Shop als Therapie-Tool für kauf-süchtige Menschen gebaut hat. Es gibt jedoch noch viel mehr Menschen, die davon profitieren können. Ich denke dabei an Leute, die finanziell gut da stehen und ihren Konsum aus ethischen und/oder ökologischen Gründen einschränken wollen, ohne auf den Spaß zu verzichten. Die Shops können aber auch zur Teilhabe von Menschen beitragen, die nicht viel Geld haben, aber auch mal „schön shoppen“ wollen. Wie wunderbar! Wir alle können eine sauteure Uhr bestellen, ohne dass wir anschließend dafür einen Tresor kaufen und eine Versicherung abschließen müssen.
Zu schön um wahr zu sein? Wo ist der Haken?
Aber ist Fake Shopping wirklich ökologisch besser, als ein echter Kauf? Die Rechenzentren verbrauchen doch so viel Energie!
Ich war selbst überrascht, wie deutlich das JA an dieser Stelle ist. Zunächst muss man bedenken, dass auch das echte Onlineshopping Rechenleistung verbraucht. Trotzdem habe ich Zahlen heraus gesucht um den CO₂-Verbrauch eines Wollknäuel mit dem CO₂-Verbrauch einer Stunde Fake Shopping zu vergleichen.
CO2-Bilanz
Die Produktion von 1 kg konventioneller Baumwolle verursacht im Schnitt ca. 11 bis 15 kg CO₂. Tierischen Fasern wie Wolle erreichen sogar 20 bis 30 kg CO₂ pro Kilogramm Faser. Ein 100 g Knäuel Naturfaser verbraucht also 1-3 kg CO₂ allein in der Herstellung ohne Lagerung, Verpackung und Versand.
Eine Stunde Faux Shopping verbraucht etwa 8 bis 19 Gramm CO₂. Selbst wenn man den Bau und die Entsorgung der Rechenzentren berücksichtigt, bewegt man sich immer noch im Gramm-Bereich. Als Konsumenten können wir den Wert sogar noch verbessern, indem wir unsere Endgeräte möglichst lange benutzen.
Und das ist nur die CO₂-Bilanz. Den Wasserverbrauch schaue ich mir gar nicht an.
Was ist für die Dopamin-Shop-Betreiber drin?
Wenn aber nichts bezahlt wird, verdienen die Betreiber nichts? Warum erstellen sie dann diese Shops?
Das ist eine hervorragende Frage. Es kostet nicht nur Zeit so einen Shop zu erstellen und mit Produkten zu befüllen. Je nachdem wie ernsthaft man man den Shop aufzieht entstehen laufende Kosten fürs Hosting, Rechtstexte, Werbung und Support. Es gibt Menschen, die machen so etwas in ihrer Freizeit aus Altruismus. Es gibt aber genauso Menschen, die zumindest die laufenden Kosten decken wollen oder damit tatsächlich Geld verdienen. Wenn man Arbeit in ein digitales Produkt steckt finde ich das auch absolut legitim. Ich habe von einer App gelesen, die 3,99€ im Monat kostet. Ein kleiner Betrag verglichen, mit den Kosten, die die Nutzer bei echtem Onlineshopping hätten. Für den Entwickler bei gerade mal 1000 Nutzern schon ein nettes Einkommen. Insgesamt halte ich das für eine sehr ehrliche Variante.
Andere platzieren möglicherweise Werbung für echte Shops und Produkte in ihrem Faux Shop. Für mich wäre das in Ordnung, solange die Werbung deutlich gekennzeichnet ist. Wieder andere betreiben auf diesem Weg Marktforschung oder sammeln andere Nutzerdaten, die sich gut verkaufen lassen. Auch das ist für mich ok, solange die Nutzer informiert sind. Was nicht geht ist heimliches Daten sammeln oder aufdringlicher Spam, womöglich basierend auf den Waren, die ich ausgewählt hatte.
Immer wenn es im Internet etwas Neues gibt, worauf Menschen klicken, kann man damit auch Geld verdienen. Und immer wenn man im Internet Geld verdienen kann, wird es sowohl auf die Netteste als auch auf die Unverschämteste und alle Varianten dazwischen versucht. Falls Du also so ein Angebot mal ausprobieren möchtest, schau genau hin und lies das Kleingedruckte.
Das willst Du auch?
Die schlechte Nachricht an dieser Stelle: Es scheint noch keine Fake Shops speziell für Handarbeitszubehör zu geben. Vielleicht fühlst Du Dich aber gleich ertappt. Man braucht keine speziellen Shops um einen Warenkorb zu füllen ohne etwas zu kaufen. Das Prinzip funktioniert in jedem Online-Shop. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich das sogar unbewusst schon viele Male gemacht. Es ist eine moderne Form des Träumens, des Planens und Spielens und es gibt davon diverse Varianten.
- Warenkorb voll machen und abbrechen
Nutze einfach Deine Lieblingsshops - Wunschlisten oder Checklisten füllen
Etwas abstrakter als ein echter Warenkorb. Man befüllt eine Wunschliste oder eine Checkliste mit Dingen, die man gerne hätte. Das müssen keine konkreten Artikel aus einem Shop sein, auch allgemeine Wünsche wie „Häkelnadel-Set“ sind möglich. Das geht übrigens auch offline. - Auf Ravelry Anleitungen und Garne kombinieren
Auf Ravelry (oder anderen Plattformen) kannst Du aus unzähligen Mustern und Garnen auswählen und diese in einem geschützen Raum kombinieren und verplanen, ohne sie tatsächlich zu besitzen. - Simulationsspiele
Onlinespiele, in denen man Dinge erschaffen und mit anderen Spielern interagieren kann, sind der perfekte Ort, um alle Konsumfantasien auszuleben, ohne echte Dinge anzuhäufen. (Vielleicht erinnert sich noch jemand an SecondLife?)
Geheimtipp
Zum Schluss kehre ich noch einmal zurück zur CO₂-Bilanz: Das echte Wollknäuel schneidet dann besser ab, wenn wir es bereits zu Hause haben und uns entschließen, das Knäuel zu verstricken, anstatt Konsum zu simulieren. Anstatt etwas Haptisches wie Wolle online auszusuchen, können wir auch einfach an unseren Garnvorrat gehen, die Knäuel befühlen, einzelne Fäden durch unsere Finger streichen lassen, die Farben vergleichen und uns neu in die Produkte verlieben, für die wir uns schon einmal entschieden haben. Ich nenne das Shopping im eigenen Schrank. Wer viele WIPs hat, kann auch dort stöbern, ein Kit auswählen und direkt los häkeln.
Eine kleine Anmerkung in eigener Sache: Falls Du meine kostenlosen, werbefreien Blogartikel unterstützen möchtest, schau mal hier oder hier.
Ist das Thema für Dich neu, oder bist Du ein Faux-Shop-Profi? Schreibe mir gerne einen Kommentar.